Perles du Lac – Vom Genfersee an die Limmat

Storchengasse im Jahr 1927
Um 1925 strömten die Zürcherinnen und Zürcher an die Storchengasse, um dort etwas Unerwartetes zu kaufen: Perlen vom Genfersee. Wer heute an die Storchengasse denkt, verbindet sie sofort mit dem Hotel Storchen, eleganten Boutiquen und einer der bekanntesten Gassen der Zürcher Altstadt. Doch vor rund hundert Jahren wurde an der Hausnummer 2 – nur wenige Schritte von der Limmat entfernt – ein höchst ungewöhnliches Produkt angeboten: die Perles du Lac. Perlen aus dem Genfersee? Der Gedanke wirkt beinahe widersprüchlich. Bei Perlen denkt man unwillkürlich an ferne Meere, Austern und tropische Lagunen. Und doch stellte auch die Schweiz während eines grossen Teils des 20. Jahrhunderts ihre eigenen Perlen her. Gefertigt wurden sie in Saint-Gingolph, dem französisch-schweizerischen Dorf am Ufer des Genfersees. Von dort aus gelangten sie weit über die Region hinaus und wurden in zahlreiche Länder exportiert.
Ein zeitgenössischer Prospekt bezeichnet das Unternehmen als die erste Manufaktur dieser Art in der Region. Darin werden «gefüllte, unzerbrechliche und unverwüstliche» Perlen mit einem bemerkenswerten «Orientglanz» angepriesen. Neben der Fabrik in Saint-Gingolph unterhielt das Unternehmen damals Verkaufsstellen in Montreux und Zürich. Die Spuren der Zürcher Filiale zu finden, war allerdings nicht ganz einfach. Erst die auf dem Prospekt abgedruckte Telefonnummer «Uto 20.47» machte es möglich, ihre Geschichte mit Hilfe alter Telefonbücher nachzuverfolgen. Zunächst an der Storchengasse 2 ansässig, wechselte das Geschäft später mehrmals seinen Standort zwischen Marktgasse und Storchengasse. Seine Präsenz in Zürich lässt sich über mehrere Jahrzehnte hinweg belegen.
Das Unternehmen erlebte damals einen deutlichen Aufschwung und führte seine Tätigkeit in Saint-Gingolph bis in die 1970er-Jahre fort. Danach schloss die Manufaktur ihre Türen und geriet nach und nach in Vergessenheit. Fast fünfzig Jahre sollten vergehen, bis die Perles du Lac ihre Wiedergeburt erlebten.

Deutschsprachiger Prospekt für «La Perle du Lac»

Eine vor dem Vergessen bewahrte Tradition
Als wir die kleine Manufaktur in Saint-Gingolph betreten, ist kaum vorstellbar, dass die hier angewandte Methode ihren Ursprung im späten 17. Jahrhundert hat.
Der Überlieferung zufolge beginnt alles um 1680 in der Küche eines bescheidenen Pariser Rosenkranzmachers namens Jacquin. Während seine Magd kleine Weissfische säubert, bemerkt er auf der Wasseroberfläche eine glänzende Substanz mit silbrigen Reflexen. Neugierig versucht er, diese Beobachtung für sich zu nutzen, und entdeckt, dass sich aus den Schuppen dieser kleinen Fische eine Substanz mit einem perlenähnlichen Schimmer gewinnen lässt. Nach zahlreichen Versuchen entwickelt er schliesslich das, was später als «Essence d’Orient» bezeichnet wird. Das Prinzip ist ebenso einfach wie raffiniert: Die Schuppen werden gewaschen und bearbeitet, bis sich ihre irisierende Substanz gewinnen lässt. Anschliessend wird sie auf kleine Glaskugeln aufgetragen. Das seit dem 18. Jahrhundert gut dokumentierte Verfahren verbreitete sich nach und nach in Europa.
Mehr als drei Jahrhunderte später wird diese Geschichte in Saint-Gingolph weitergeschrieben. Dass die Perles du Lac zu neuem Leben erwacht sind, ist Jean-Loïc Selo zu verdanken. Der alchemistische Ingenieur ist von Natur aus neugierig und verfügt vor allem über eine aussergewöhnliche Geduld: Mehr als 2000 Versuche waren nötig, um die im 20. Jahrhundert verwendete Rezeptur zu rekonstruieren. Er empfängt uns in einer kleinen Boutique mit angeschlossener Manufaktur. Im Laufe des Besuchs führt uns Jean-Loïc durch die verschiedenen Herstellungsschritte der Perles du Lac. Er erklärt die Handgriffe, die verwendeten Materialien und die Zeit, die ihre Anfertigung erfordert. Besonders eindrücklich ist jedoch die Begeisterung, mit der er noch immer über das Material und seine Verwandlung spricht: Aus einfachen Fischschuppen entstehen Perlen mit einem feinen, schimmernden Glanz.
Vom Fisch aus dem Genfersee zum Glanz der Perlen
Im Gegensatz zu Zuchtperlen, deren Entstehung durch das Einsetzen eines Kerns in eine Muschel angeregt wird, werden die Perles du Lac vollständig von Hand gefertigt. Am Anfang stehen die Schuppen von Fischen aus dem Genfersee, die von einem lokalen Fischer stammen. In ihnen verbirgt sich ein besonderer Stoff: Guanin. Dieses natürliche Pigment verleiht den Fischen ihren silbrigen, perlmuttartigen Schimmer.
Nach einem aufwändigen Extraktionsverfahren, dessen Rezeptur geheim bleibt, wird die gewonnene Substanz verwendet, um kleine Emaillekugeln zu überziehen, die auf feinen Stäbchen befestigt sind. Jede Perle wird anschliessend mehrfach in die schimmernde Mischung getaucht. Zwischen den einzelnen Bädern muss sie trocknen, bevor sie erneut eingetaucht wird. Schicht für Schicht erhält sie so ihre Tiefe, Leuchtkraft und ihren charakteristischen Orient, der an besonders schöne Naturperlen erinnert. Zum Schluss wird jede Perle poliert, sorgfältig geprüft und einzeln verarbeitet.

Die Blütezeit der Perles du Lac
Zwischen den 1920er-Jahren und der Schliessung der Werkstätten im Jahr 1974 spielte die Herstellung der Perles du Lac eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben von Saint-Gingolph. In ihrer Blütezeit wurden dort jedes Jahr mehrere Tausend Perlen und Halsketten gefertigt. Die Manufaktur zog Kundschaft aus ganz Europa an, darunter besonders viele britische Besucherinnen, die in den grossen Hotels der Genferseeregion logierten. Auch namhafte Mode- und Schmuckhäuser bezogen ihre Waren aus Saint-Gingolph.

Heute ist die Produktion wieder aufgenommen worden. Die Arbeit ist weiterhin vollständig handwerklich und dem ursprünglichen Geist verpflichtet: sich Zeit nehmen, die Ressourcen des Sees nutzen und aus einem unscheinbaren Material etwas Wertvolles schaffen. Die Fische werden nicht wegen ihrer Schuppen gefangen, sondern als Lebensmittel. Was früher weggeworfen wurde, erhält heute in der Herstellung der Perles du Lac ein zweites Leben.


Die Freude am Schaffen
Beim Verlassen der Manufaktur in Saint-Gingolph bleibt nicht nur das Herstellungsverfahren in Erinnerung, sondern auch die aussergewöhnliche Persönlichkeit von Jean-Loïc Selo. Hinter seiner Bescheidenheit zeigt sich ein erfinderischer Geist, getragen von einer beinahe unerschöpflichen Neugier. Jahrelang widmete er sich der Rekonstruktion einer vergessenen Rezeptur. Und wenn er sich nicht mit den Perles du Lac beschäftigt, gilt seine Aufmerksamkeit einer weiteren Leidenschaft: der Kreation von Parfums.

Jean-Loïc Selo strebt weder nach Reichtum noch nach Anerkennung. Was ihn antreibt, ist vielmehr die Freude am Forschen, Experimentieren, Erschaffen und Teilen. Damit erinnert er uns daran, dass man nicht immer in die Ferne schweifen muss, um kostbare Materialien und bemerkenswerte Handwerkskunst zu entdecken. Manchmal genügt es, die Dinge in unserer unmittelbaren Umgebung mit anderen Augen zu betrachten: eine lokale Ressource, eine überlieferte Handbewegung, eine Tradition, die längst verloren schien.
Vor beinahe einem Jahrhundert wurden die Perles du Lac an der Storchengasse 2 verkauft. Umso schöner ist es, sie hundert Jahre später neu zu entdecken – nur wenige Schritte von ihrer damaligen Adresse entfernt, denn unser Geschäft befindet sich heute am Limmatquai 24.
Weitere Informationen: https://www.escherwelti.ch/perles/


